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„Ich genieße die Agilität“ – Interview mit Jasmin Niehof

Interview mit Jasmin Niehof, Geschäftsführerin Vertrieb und Einkauf, Wuppermann AG über ihre neue Rolle, die Unterschiede zwischen Konzern und mittelständischem Familienunternehmen und darüber, warum die Stahlindustrie selbstbewusster auftreten sollte.

von | 10.09.25

Jasmin Niehof, Geschäftsführerin Vertrieb und Einkauf, Wuppermann AG (Quelle: Vulkan Verlag)
Jasmin Niehof, Geschäftsführerin Vertrieb und Einkauf, Wuppermann AG (Quelle: Vulkan Verlag)

Die Wuppermann AG durchläuft derzeit einen Generationswechsel in der Führungsebene. Mit Jasmin Niehof hat das europaweit tätige Unternehmen für Oberflächenveredelung eine neue Geschäftsführerin für Vertrieb und Einkauf der Wuppermann Stahl GmbH gewonnen, die sich nach zehn Jahren bei thyssenkrupp nun den Herausforderungen eines Mittelständlers stellt. Im Interview spricht sie über ihre neue Rolle, die Unterschiede zwischen Konzern und mittelständischem Familienunternehmen und darüber, warum die Stahlindustrie selbstbewusster auftreten sollte.

 

METALVERSE: Frau Niehof, Sie sind seit Mai Geschäftsführerin bei Wuppermann. Können Sie uns zunächst einmal die aktuelle Firmenstruktur der Wuppermann AG erläutern und was genau Ihre Aufgabenfelder sind?

Jasmin Niehof: Die Wuppermann AG ist sehr europäisch aufgestellt. Wir haben Produktionsanlagen in vier verschiedenen Ländern – in den Niederlanden, Ungarn, Österreich und Polen.

METALVERSE: Das heißt, keine Produktion mehr in Deutschland?

Niehof: Ja, richtig. Hier in Deutschland, am Standort Leverkusen, finden Sie zwar die Hauptverwaltung, hier findet aber keine Produktion statt. Personell sind wir am stärksten in Österreich an zwei Produktionsstandorten mit knapp 300 Mitarbeitenden aufgestellt, dann kommen in Ungarn, Polen und Holland nochmal insgesamt etwa 400 dazu. Ich bin in meiner Rolle als Geschäftsführerin für den Vertrieb und den Einkauf verantwortlich. Den Vertrieb habe ich formal bereits übernommen, den Einkauf übernehme ich, wenn mein langjähriger Vorgänger zum Herbst ausscheidet.

METALVERSE: Das heißt, mit Ihrer Berufung zur Geschäftsführerin erhöht sich nicht nur erheblich die Frauenquote in der Führungsspitze von Wuppermann, sondern sie steht auch für eine deutliche Verjüngung?

Niehof: Wir erleben gerade in der Führungsmannschaft von Wuppermann in gewisser Weise einen Generationenwechsel. Unser ehemaliger Vorstandsvorsitzender ist seit März nicht mehr im Unternehmen. Oliver Rechtsprecher hat diese Position inzwischen inne. Mein Vorgänger, der 38 Jahre für Wuppermann gearbeitet hat, geht im Herbst in den Ruhestand. Dabei ist es mir wichtig in diesem Zusammenhang zu betonen, dass ein Generationenwechsel nicht heißt, dass sich das, wofür Wuppermann steht, grundsätzlich ändern wird.

METALVERSE: Soll heißen?

Niehof: Wuppermann steht im Kern für Verlässlichkeit gegenüber den Kunden, aber auch gegenüber den Lieferanten. Da, wo Konzepte gut funktionieren und wo die Zusammenarbeit gut funktioniert, gibt es für mich keinen Anlass, das zu ändern.

Jasmin Niehof, Geschäftsführerin Vertrieb und Einkauf, Wuppermann AG (Quelle: Vulkan Verlag)

Jasmin Niehof, Geschäftsführerin Vertrieb und Einkauf, Wuppermann AG (Quelle: Vulkan Verlag)

Jasmin Niehof, Geschäftsführerin Vertrieb und Einkauf, Wuppermann AG (Quelle: Vulkan Verlag)

 

METALVERSE: Und dort, wo Sie Handlungsbedarf identifizieren, wie gehen Sie hier vor?

Niehof: Natürlich habe ich Ideen und sehe Dinge vielleicht auch neu oder blicke mit einem frischen Auge auf Themen, aber im Grundsatz steht Wuppermann gerade sehr stabil da und es ist mein Ziel, dass das auch so bleibt. Für Wuppermann ist die Qualität und Zuverlässlichkeit bei den Lieferterminen unseres Vormaterials von besonderer Bedeutung. Dementsprechend ist es wichtig zu verstehen, wie ein Hüttenwerk funktioniert. Das habe ich natürlich in meinen zehn Jahren bei thyssenkrupp gelernt und das kann ich gut einbringen. Außerdem hilft es mir bei der Zusammenarbeit mit unseren Lieferanten und Kunden sicher, dass ich selbst zuvor diese Seite kennen gelernt habe.

METALVERSE: Was ist denn der wesentliche Unterschied zwischen der Arbeit bei thyssenkrupp und jetzt bei Wuppermann?

Niehof: Für mich unterscheidet sich die Arbeit im Mittelstand deutlich von der in einem Großkonzern – vor allem in Bezug auf Entscheidungswege. Aufgrund von Formalien dauern Entscheidungsprozesse im Großkonzern deutlich länger. Wenn bei Wuppermann ein Problem auftritt, dann diskutieren wir die unterschiedlichen Lösungsoptionen und dann wird schlichtweg entschieden. Im Großkonzern hingegen sind die Prozesse meist stärker standardisiert und die Zuständigkeiten klar abgegrenzt. Das verlangsamt den Entscheidungsprozess.

METALVERSE: Ist das gut oder schlecht?

Niehof: Gut. Schnelle Entscheidungen sind für den Arbeitsablauf natürlich hilfreich. Mir gefällt bei Wuppermann insbesondere aber auch die Möglichkeit unmittelbarer mitzugestalten und mitzuentscheiden. Ich genieße die Agilität hier.

METALVERSE: Die Stahlindustrie hat vielerorts ein Imageproblem, gerade wenn es um die Gewinnung von Fachkräften geht. Wie gehen Sie damit um?

Niehof: An den Standorten in Österreich bilden wir unser Fachpersonal gerne selber aus. Österreich hat ja ein vergleichbares Ausbildungsmodell wie Deutschland, was uns sehr hilft. Dementsprechend entwickeln wir dort lokale Kampagnen, die insbesondere auch auf die Ausbildung abzielen. In Polen, Ungarn und in den Niederlanden werden ebenfalls regionale Kampagnen gefahren, hier aber direkt auf der Fachkräfteebene.

METALVERSE: Wie sind Sie denn zur Stahlindustrie gekommen?

Niehof: Als ich damals angefangen habe, war es zunächst nicht unbedingt mein Plan, in der Stahlindustrie zu arbeiten. Ich bin Wirtschaftsingenieurin mit dem Schwerpunkt Energietechnik. Ich bin gebürtige Duisburgerin und habe sozusagen ein Herz aus Stahl. Ich habe also damals bei thyssenkrupp mein Praktikum begonnen und mich in diesem Zuge um die Stromnetze und die Energieregulatorik des Hüttenwerkes gekümmert. In dieser Zeit durfte ich das Werk kennenlernen und auch ein Stahl- und ein Warmbandwerk besuchen. Das ist schon faszinierend, wenn man sieht, wie vielseitig einerseits der Werkstoff ist und wie grob andererseits die Industrie im Herstellungsprozess arbeitet, um dann am Ende aber ein absolutes Hightech-Produkt entstehen zu lassen.

METALVERSE: Was empfehlen Sie angehenden Ingenieur:innen, die noch offen sind, was die weitere Spezialisierung angeht?

Niehof: Ich kann nur jedem empfehlen, falls möglich  in Kontakt mit der Stahlindustrie zu kommen oder sich den Stahlerzeugungsprozess live anzuschauen. Die Herstellungsprozesse ziehen einen in den Bann. So war es damals auch bei mir.

METALVERSE: Wie bewerten Sie denn das Image der Stahlindustrie generell?

Niehof: Die Stahlindustrie hat in Europa leider kein besonders gutes Image, zumindest nicht nach außen. Ich halte das für grundsätzlich falsch, denn, wenn man mit offenen Augen durchs Leben läuft und einfach mal beobachtet, wie vielseitig Stahl verwendet wird, dann stellt man fest, dass Stahl ein Werkstoff ist, an dem man nicht vorbei kommt. Wenn die Stahlindustrie also sagt: Wir sind ein ganz wesentlicher Teil des Fundaments der deutschen oder europäischen Wertschöpfung, dann ist das absolut richtig. Deshalb haben wir als Stahlindustrie allen Grund, viel selbstbewusster aufzutreten und zu agieren.

 

Jasmin Niehof studierte Wirtschaftsingenieurwesen mit Schwerpunkt Energietechnik in Duisburg. Von 2013 bis 2025 war sie bei der thyssenkrupp Steel Europe AG tätig, wo sie zuletzt für die Vertriebsplanung verantwortlich war. Seit 2025 ist sie Geschäftsführerin für Vertrieb und Einkauf bei der Wuppermann Stahl GmbH. Den Vertrieb hat sie bereits übernommen, den Einkauf wird sie zum Herbst übernehmen.
Wuppermann AG

Bildquelle, falls nicht im Bild oben angegeben:

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