Die Zahlen für die Metallberufe insgesamt sprechen für sich: Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW Köln) rechnet bedingt durch eine schwache Konjunktur und eine Welle an Renteneintritten bis 2028 mit einem Beschäftigungsrückgang von rund 14 % in diesem Berufsfeld. Gleichzeitig bleibt trotz sinkender Beschäftigtenzahlen eine Lücke bestehen: Rund 7.400 Fachkräfte fehlen im Metallbau und 5.300 in der spanenden Metallbearbeitung, weil schlicht zu wenig Nachwuchs nachrückt.
Die jährliche Engpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit bestätigt den Trend für den Arbeitsmarkt insgesamt. In rund jedem achten der untersuchten Berufe zeigen sich Besetzungsprobleme. Für viele Härtereien dürfte sich das im betrieblichen Alltag längst konkret in Form von unbesetzten Ausbildungsplätzen oder Fachwissen, das mit ausscheidenden Kolleginnen und Kollegen den Betrieb verlässt, bemerkbar machen.
Der Ausbildungsmarkt selbst sendet ebenfalls Warnsignale. Nach der Ausbildungsbilanz 2025 der IG Metall wurden in den klassischen Metall- und Elektroberufen nur noch rund 25.800 neue Ausbildungsverträge abgeschlossen. Das entspricht einem Rückgang von 9,1 % gegenüber dem Vorjahr und ist gut ein Fünftel weniger als 2019. Zum Stichtag Ende September 2025 waren laut Berufsbildungsbericht 2026 bundesweit noch rund 54.400 Ausbildungsstellen unbesetzt; gleichzeitig suchten weiterhin rund 84.400 junge Menschen einen Ausbildungsplatz. Der Rückgang bei den offenen Stellen spiegelt vor allem ein sinkendes Ausbildungsangebot der Betriebe wider.
Wärmebehandlung? Nie gehört
Ein Teil des Problems liegt im Image: Wärmebehandlung ist in der öffentlichen Wahrnehmung selten präsent, und wo sie es doch ist, wird sie oft mit schwerer, schmutziger Industriearbeit assoziiert. Dass hinter modernen Härtereiprozessen längst computergestützte Prozesssteuerung und Präzisionsmesstechnik stecken, wissen die wenigsten Schulabgänger. Gegen Ausbildungsberufe in IT oder in sichtbareren Handwerksfeldern hat die Branche es entsprechend schwer, überhaupt ins Blickfeld junger Menschen zu geraten.
Betriebs- und Verbandsarbeit
Die Arbeitsgemeinschaft Wärmebehandlung und Werkstofftechnik (AWT) versteht Nachwuchsarbeit ausdrücklich als Teil ihres Auftrags. Sie vernetzt junge Mitglieder mit Unternehmen und vergibt Nachwuchspreise. Über ihre Härtereikreise und Seminare entstehen Gelegenheiten für den persönlichen Austausch zwischen erfahrenen Fachleuten und Berufseinsteigern. Auf Branchenveranstaltungen wie dem HärtereiKongress rückt der Nachwuchsgedanke ebenso zunehmend in den Fokus.
Auch auf medialer Seite tut sich etwas: Mit dem Videoformat HeatStream gibt der Vulkan Verlag in kurzen Interviews Einblicke in die Branche und macht Menschen und Arbeitsalltag der Wärmebehandlung sichtbar. Dies leistet einen Beitrag, um das Berufsfeld auch außerhalb von Fachkreisen bekannter zu machen.
Solche Initiativen zeigen, dass die Branche das Problem erkannt hat. Entscheidend wird sein, ob daraus dauerhafte Strukturen werden (von dualen Ausbildungskooperationen bis zu sichtbareren Karrierewegen innerhalb der Wärmebehandlung).
Digitalisierung
Die Digitalisierung könnte der Härterei ebenfalls helfen, jüngere Zielgruppen zu erreichen. Moderne, datengestützte Arbeitsplätze mit Prozessautomatisierung und digitaler Auswertung passen besser zum Selbstbild einer Generation, die mit Technologie aufgewachsen ist, als das Klischee vom Beruf mit Hammer und Zange. Das Anforderungsprofil ändert sich: weniger reine Handarbeit, mehr Prozess- und Datenkompetenz.
Und was heißt das für die Betriebe?
Neben Verbandsarbeit und branchenweiten Initiativen liegt ein großer Teil der Verantwortung bei den Betrieben selbst. Klassische Stellenanzeigen erreichen Jugendliche kaum noch dort, wo sie sich tatsächlich informieren. Laut einer Analyse von vitalents suchen auf Kurzvideo-Plattformen wie TikTok oder Instagram deutlich mehr junge Menschen nach Ausbildungsplätzen, als Unternehmen dort mit eigenen Inhalten präsent sind. Wer früh und mit echten Einblicken in den Arbeitsalltag präsent ist, hebt sich von der Masse gleichförmiger Stellenausschreibungen ab.
Niedrigschwellige Bewerbungswege machen einen zusätzlichen Unterschied: Kurzbewerbungen per Video oder Chat statt langem Anschreiben, feste Ansprechpartner für Rückfragen und schnelle Rückmeldungen erhöhen die Chance, dass Interessierte im Prozess bleiben. Daneben berichten Betriebe von guten Erfahrungen mit direktem Kontakt zu Schulen, etwa durch Schnuppertage mit echten Aufgaben statt reiner Zuschauerrolle oder durch Auszubildende, die als Botschafter an ihren früheren Schulen auftreten. Solche persönlichen Berührungspunkte schaffen ein Vertrauen, das eine Stellenanzeige allein nicht leisten kann.
Viel Erfahrungswissen in der Wärmebehandlung ist ein implizites, über Jahrzehnte gewachsenes Gespür für Prozesse, das sich nur schwer in Handbüchern festhalten lässt. Wenn erfahrene Fachkräfte in den Ruhestand gehen, droht dieses Wissen zu verschwinden, wenn es nicht rechtzeitig weitergegeben wird. Strukturierter Wissenstransfer und die konsequente Dokumentation von Prozesswissen werden damit selbst zu einer Zukunftsfrage der Branche.
Quellen
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Institut der deutschen Wirtschaft (IW Köln): IW-Arbeitsmarktfortschreibung 2025
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IW Köln, Pressemitteilung “2028 fehlen 768.000 Fachkräfte”
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Bundesagentur für Arbeit, Fachkräftebedarf und Engpassanalysen
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Bundesagentur für Arbeit, Pressemitteilung “Qualifizierte Fachkräfte weiterhin gesucht”
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IG Metall, Ausbildungsbilanz
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Berufsbildungsbericht 2026 (BMBFSFJ)
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vitalents, “Azubi-Recruiting über Social Media: Warum TikTok über Bewerbungen entscheidet”
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Arbeitsgemeinschaft Wärmebehandlung und Werkstofftechnik e.V. (AWT)
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AWT-Info in Härterei-Technische Mitteilungen (HTM), Ausgabe 04-2024
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HeatStream, Videointerview-Reihe des Vulkan Verlags






