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Nichteisenmetalle unter Druck: Europas Kampf um Versorgungssicherheit

Die Abhängigkeit Europas von kritischen Rohstoffen ist kein abstraktes Risiko mehr – sie ist Industrierealität. Von Gallium über Kobalt bis hin zu Seltenen Erden: Zahlreiche Metalle, die für Thermoprozesstechnik, Elektromobilität und Energieinfrastruktur unverzichtbar sind, stammen überwiegend aus politisch instabilen Regionen oder werden in Ländern verarbeitet, die sie zunehmend als geopolitisches Druckmittel einsetzen.

von | 01.05.26

Raw Copper Ore (Quelle: Adobe Stock / Pamela Au)
Raw Copper Ore (Quelle: Adobe Stock / Pamela Au)

Mit dem Critical Raw Materials Act, dem Aktionsplan „RESourceEU” und einem wachsenden Netz strategischer Projekte versucht die EU gegenzusteuern – mit wachsendem Ehrgeiz, aber auch mit strukturellen Lücken.

Die EU stuft derzeit 34 Rohstoffe als kritisch ein. Davon wurden 17 auf eine Liste strategischer Rohstoffe gesetzt, bei denen die Nachfrage exponentiell wachsen dürfte und Versorgungsengpässe als besonders wahrscheinlich gelten. Die Liste wird regelmäßig aktualisiert und bildet die Grundlage für alle weiteren Maßnahmen der EU in diesem Bereich.

Chinas Exportbeschränkungen als Weckruf

Die strukturelle Abhängigkeit Europas von chinesischen Verarbeitungskapazitäten war lange bekannt – ihre praktischen Konsequenzen werden jedoch erst jetzt vollständig spürbar. Peking hat in den vergangenen Jahren gezielt Exportbeschränkungen für strategisch relevante Metalle eingeführt:

  • Gallium und Germanium: Bereits seit 2023 unter Genehmigungsvorbehalt – beide sind zentral für Halbleiter und Spezialelektronik
  • Wolfram, Tellur, Bismut, Molybdän und Indium: Seit Februar 2025 Teil chinesischer Exportkontrollmaßnahmen
  • Seltene Erden: Seit April 2025 unterliegen sieben von siebzehn Seltenen Erden einer chinesischen Genehmigungspflicht

Der Europäische Rechnungshof spricht in seinem Sonderbericht 04/2026 von einer ernsthaften Gefährdung der EU-Versorgungssicherheit.

RESourceEU: Der Aktionsplan der Kommission

Als Antwort hat die Europäische Kommission im Dezember 2025 den Aktionsplan „RESourceEU” verabschiedet. Er setzt auf drei zentrale Hebel:

  • Recycling und Kreislaufwirtschaft: Im Frühjahr 2026 könnten Exportbeschränkungen auf Aluminiumschrott und Kupfer eingeführt werden, um Sekundärrohstoffe stärker in Europa zu halten und Recycling wirtschaftlich attraktiver zu machen
  • Gemeinsamer Einkauf: Ein neu gegründetes Europäisches Zentrum für kritische Rohstoffe soll Marktinformationen bündeln, gemeinsame Beschaffung koordinieren und als Portfoliomanager für resiliente Lieferketten fungieren
  • Strategische Projekte: Bis Ende 2025 wurden 60 strategische Projekte genehmigt – 47 innerhalb der EU, 13 in Partnerländern wie der Ukraine, Grönland und Kanada, mit Fokus auf Batteriematerialien wie Grafit, Lithium, Kobalt und Nickel

Ambitionierte Ziele, strukturelle Lücken

Die Zielvorgaben des Critical Raw Materials Act sind ehrgeizig: Bis 2030 soll die EU mindestens 10 % ihres Jahresbedarfs an kritischen Rohstoffen durch heimische Förderung und 40 % durch heimische Verarbeitung decken. Bei Seltenen Erden soll die Abhängigkeit von einzelnen Ländern von 95 % auf 42 % sinken, bei Gallium von 71 % auf 17 %.

Der Europäische Rechnungshof warnt jedoch zur Nüchternheit: Viele der genehmigten strategischen Projekte befinden sich noch in einem frühen Entwicklungsstadium, Abnahmevereinbarungen fehlen häufig. Da 2030 näher rückt, werde der Zeitdruck für neue Vorhaben zunehmend zum Problem.

Die kritische Lücke: Verhüttung und Verarbeitung

McKinsey benennt in seiner Analyse vom Oktober 2025 eine strukturelle Schwachstelle besonders deutlich: Selbst eine in europäischer Eigenregie erschlossene Mine erhöht die Versorgungssicherheit kaum, solange die Verarbeitung weiterhin in den bisherigen Lieferländern erfolgt. Je mehr eigene Verhüttungs- und Verarbeitungskapazitäten Europa aufbaut, desto resilienter ist die Industrie. Doch derzeit werden genau diese Kapazitäten wegen zu geringer Profitabilität teils sogar abgebaut.

Für die Thermoprozesstechnik und den Industrieofenbau liegt hier eine direkte Herausforderung – aber auch eine klare Chance: Wer europäische Verarbeitungskapazitäten für Aluminium, Kobalt oder Seltene Erden aufbauen will, braucht moderne Schmelz-, Wärmebehandlungs- und Raffinationsanlagen.

Fazit

Europa hat erkannt, dass Versorgungssicherheit bei Nichteisenmetallen nicht allein durch Diplomatie und Handelsabkommen zu erreichen ist. Der Critical Raw Materials Act, RESourceEU und die wachsende Liste strategischer Projekte sind Schritte in die richtige Richtung. Die entscheidende Frage ist jedoch nicht, ob Europa die richtigen Gesetze hat – sondern ob es gelingt, Verhüttungs- und Verarbeitungskapazitäten rechtzeitig aufzubauen, bevor die nächste Exportbeschränkung aus Peking die Lieferketten erneut ins Wanken bringt.

Weiterführende Informationen und Quellen

Bildquelle, falls nicht im Bild oben angegeben:

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