Wer über die Dekarbonisierung der Industrie spricht, denkt zuerst an Stahl, Zement oder Chemie – an Hochöfen, Drehrohröfen und Crackeranlagen. Was dabei oft im Hintergrund bleibt, ist der Energieträger, der all diese Prozesse überhaupt erst ermöglicht: die Prozesswärme.
Sie ist in nahezu jeder Branche der größte Einzelposten im Energieverbrauch, und dennoch wird ihr Transformationspotenzial in der betrieblichen Praxis häufig unterschätzt. Prozesswärme erscheint selbstverständlich – sie ist immer da, sie funktioniert, und eben deshalb rückt sie selten in den Fokus von Investitions- und Nachhaltigkeitsentscheidungen. Genau hier setzt das Cluster Dekarbonisierung der Industrie (CDI) an. Mit dem neuen webbasierten Tool „Transformationspfade der Prozesswärme“, das am 19. Februar 2026 auf einer Pressekonferenz der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, stellt das CDI Industrieunternehmen ein digitales Instrument zur Verfügung, das diesen blinden Fleck gezielt adressiert. Das Tool richtet sich insbesondere an kleine und mittelständische Unternehmen, die zwar mit den Anforderungen der Klimapolitik konfrontiert sind, aber oft weder die personellen noch die finanziellen Ressourcen haben, um tiefgreifende Transformationsanalysen in Eigenregie durchzuführen.
Die Botschaft des CDI ist dabei klar: Dekarbonisierung ist kein abstraktes Versprechen, sondern eine konkrete Aufgabe – und sie beginnt damit, die eigene Ausgangssituation zu verstehen.
Klimaneutralität bis 2045
Deutschland hat sich im Rahmen des Klimaschutzgesetzes verpflichtet, bis 2045 treibhausgasneutral zu sein. Für die Industrie bedeutet dies, dass die bestehenden Produktionsprozesse in weniger als zwei Jahrzehnten grundlegend umgestaltet werden müssen – eine Aufgabe, die in ihrer Komplexität und Tiefe kaum zu überschätzen ist.
Der Industriesektor ist dabei besonders gefordert: Er macht heute rund ein Fünftel der deutschen Treibhausgasemissionen aus, und ein großer Teil dieser Emissionen ist direkt auf die Erzeugung von Prozesswärme zurückzuführen. Erdgas, Heizöl und Kohle sind nach wie vor die dominierenden Energieträger in der industriellen Wärmeversorgung, und der Ersatz dieser fossilen Quellen durch emissionsarme Alternativen ist technisch anspruchsvoll und wirtschaftlich komplex.
Die Herausforderung ist dabei nicht nur technischer Natur. Unternehmen, die ihren Wärmeversorgungsprozess transformieren wollen, stehen vor einer Vielzahl von Entscheidungen: Welche Technologie kommt für mein spezifisches Temperaturniveau infrage? Welche Fördermittel stehen zur Verfügung? Welche regulatorischen Anforderungen muss ich dabei beachten? Und vor allem: Wo fange ich an?
Es ist genau diese Orientierungslosigkeit im Angesicht der Komplexität, die das CDI mit seinem neuen Tool beheben möchte.
Wie Prof. Dr. Mario Ragwitz, Leiter der CDI-Innovationsgruppe Prozesswärme und Leiter des Fraunhofer IEG, formuliert: „Die Transformation bietet viele Freiheitsgrade und ebenso viele Randbedingungen. Das Tool soll daher als Navigator für die Industrie dienen – eines, das über die richtigen Fragen zu den richtigen Antworten führt.“
Von der Idee zur Anwendung: Die Entstehungsgeschichte des Tools
In der Innovationsgruppe Prozesswärme, die von Prof. Dr. Ragwitz geleitet wird und in ihrer Anfangsphase von Prof. Uwe Riedel, Direktor des DLR-Instituts für CO₂-arme Industrieprozesse, initiiert und geführt wurde, kamen rund 40 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft zusammen, um eine strukturierte Herangehensweise an die Dekarbonisierung der Prozesswärme zu entwickeln. Die erste Idee war noch bescheiden: eine einfache Checkliste, mit der Unternehmen ihre Situation grob einschätzen können. Doch im Verlauf der intensiven Diskussionen in der Gruppe wurde klar, dass dieser Ansatz zu kurz greift. Die Experten wollten mehr – ein Werkzeug, das nicht nur klassifiziert, sondern tatsächlich navigiert; das nicht nur Fragen stellt, sondern auf Basis der Antworten auch konkrete Optionen aufzeigt.
Prof. Riedel bringt es auf den Punkt: „Der Wärmebereich ist das verbindende Problem aller Industrieprozesse. Das gesammelte Wissen des CDI, das in Jahren gemeinsamer Arbeit zusammengetragen wurde, wird nun in dieses Tool gegossen. Und der nächste logische Schritt ist die Beratung: wie die Erkenntnisse, die das Tool erzeugt, auch tatsächlich in die betriebliche Praxis umgesetzt werden können.“
Die technische Umsetzung des Tools übernahm die Greenpocket GmbH, ein auf Energiemanagement- und Visualisierungssoftware spezialisiertes Unternehmen aus Köln.
Rasmus Nielsen, Projektmanager bei Greenpocket, schildert den Entwicklungsprozess: „Unser Unternehmen arbeitet normalerweise mit Stadtwerken zusammen und ist daher an ganz andere Nutzergruppen und Anforderungen gewöhnt. Der Start mit einem umfangreichen Paket an Fachinformationen, das visualisiert und nutzbar gemacht werden musste, war entsprechend eine neue Herausforderung.“
Die zentrale Designentscheidung: Das Tool durfte nicht zu detailliert und technisch überwältigend sein – der Einstieg musste für alle Unternehmensgrößen niedrigschwellig bleiben.
Nach einer intensiven Testphase steht das Ergebnis nun der Öffentlichkeit zur Verfügung.
Die Funktionsweise: Fünf Stufen zur Orientierung
Das Tool ist unter der Adresse www.cluster-dekarbonisierung.de/tool kostenfrei und ohne Registrierung zugänglich. Das Herzstück ist eine interaktive, fünfstufige Analyse, die Nutzerinnen und Nutzer durch die wesentlichen Dimensionen ihrer Prozesswärmesituation führt.
Im ersten Schritt werden die Prozesswärmeströme des Unternehmens angelegt. Hier geben Nutzer die relevanten Parameter ihrer Wärme- und Kälteströme ein: das verwendete Medium (etwa Wasser, Dampf, Thermoöl oder Luft), die Ein- und Austrittstemperaturen sowie den Wärmestrom beziehungsweise den Massenstrom. Diese Basisdaten bilden das Fundament für alle nachfolgenden Analysen und Empfehlungen. Auf Basis dieser Eingaben beginnt das Tool, den Prozess zu charakterisieren und erste Einordnungen vorzunehmen. Es liefert vertiefende Informationen zu den angegebenen Prozessparametern – unterstützt durch Anschauungsmaterial, Tabellen und Grafiken –, um das Verständnis für die eigene Situation zu schärfen.
Im Kern der Anwendung steht dann die Potenzialanalyse: Das Tool identifiziert auf Basis der eingegebenen Daten, welche Dekarbonisierungsoptionen für den jeweiligen Anwendungsfall grundsätzlich infrage kommen. Diese werden in einer strukturierten Übersicht dargestellt, ergänzt durch Erläuterungen zu den möglichen Vorgehensweisen und Links zu weiterführenden Informationen. Zu den typischerweise aufgezeigten Optionen gehören unter anderem die Elektrifizierung der Wärmeversorgung, die Nutzung von Abwärme aus dem eigenen Prozess oder aus benachbarten Industriebetrieben, der Einsatz von Wärmespeichern, die Nutzung von Photovoltaik zur Stromerzeugung für elektrische Wärmeerzeuger, die Umstellung auf alternative Betriebsmedien sowie eine intelligentere Betriebsführung zur Reduktion von Wärmeverlusten.
Matthias Heck beschreibt den Ansatz als niedrigschwelliges Modellieren von Prozesswärmeströmen: „Es geht darum, Effizienzpotenziale zu analysieren, den Wärmebedarf und etwaige Wärmeüberschüsse zu quantifizieren und daraus individualisierte Transformationspfade zur Dekarbonisierung abzuleiten.“
Am Ende der Analyse steht eine Zusammenfassung aller Ergebnisse, die auch als PDF-Dokument heruntergeladen werden kann. Damit können die Erkenntnisse aus der Tool-Nutzung unmittelbar in interne Diskussionen, Investitionsplanungen oder Gespräche mit Beratern und Fördermittelgebern eingebracht werden.
Ein Anwendungsbeispiel
Um die Funktionsweise des Tools greifbar zu machen, präsentiert das CDI einen konkreten Use Case: eine mittelständische Papierfabrik aus Brandenburg mit 50 Beschäftigten und zwei Papiermaschinen.
Das Unternehmen steht vor einer typischen Herausforderung: Es möchte seine CO₂-Emissionen reduzieren, hat aber begrenzte Ressourcen für eine umfassende Transformationsanalyse. Die Ausgangssituation ist technisch klar umrissen: Beide Papiermaschinen arbeiten mit Wasser und Dampf als Medium. Maschine 1 weist eine Eintrittstemperatur von 245 °C und eine Austrittstemperatur von 170 °C auf, bei einem Wärmestrom von 50.000 kW. Maschine 2 operiert mit Eintrittstemperaturen von 210 °C und Austrittstemperaturen von 150 °C, bei einem Massenstrom von 11,11 kg/s.

Beispielszenario (Quelle: CDI / Toni Kretschmer)
Beispielszenario (Quelle: CDI / Toni Kretschmer)
Der Dekarbonisierungsansatz, der sich aus diesen Parametern ergibt und den das Tool aufzeigt, ist in diesem Fall die innerbetriebliche Nutzung von Prozesswärme: Die Abwärme aus dem Betrieb von Maschine 1 könnte für nachgeschaltete Prozesse von Maschine 2 genutzt werden. Damit würde nicht nur fossile Primärenergie eingespart, sondern auch die Gesamteffizienz der Wärmeversorgung gesteigert.
Das Beispiel ist deshalb so instruktiv, weil es zeigt, wie das Tool auch ohne spektakuläre Technologiesprünge – ohne Wasserstoff, ohne groß angelegte Elektrifizierung – einen konkreten und wirtschaftlich attraktiven Dekarbonisierungspfad aufzeigen kann. Die Nutzung von Abwärme und die Optimierung bestehender Prozesse sind oft die ersten und lohnendsten Schritte auf dem Weg zur klimaneutralen Produktion. Und es sind genau diese Optionen, für die kleinere und mittlere Unternehmen bislang häufig keinen systematischen Zugang hatten.
Das Tool hilft dabei nicht nur, diesen Ansatz zu identifizieren, sondern liefert auch eine Bestandsanalyse, einen Überblick über weitere Dekarbonisierungsmöglichkeiten sowie Impulse für die strategische Weiterentwicklung – alles in einer für Nicht-Experten nachvollziehbaren Aufbereitung.
Erste Eindrücke aus der Nutzung
Das Tool ist seit dem 19. Februar 2026 öffentlich zugänglich, und ein erster, orientierender Blick auf die Benutzeroberfläche hinterlässt einen durchweg positiven Eindruck. Die Navigation ist intuitiv gestaltet, das Hamburger-Menü ermöglicht einen schnellen Überblick über alle Funktionsbereiche, und die visuelle Aufbereitung der Inhalte – mit Grafiken, erläuternden Tabellen und direkten Links zu weiterführenden Quellen – macht deutlich, dass hier erhebliche Sorgfalt in die Nutzerfreundlichkeit geflossen ist.
Besonders hervorzuheben ist die Balance zwischen Einfachheit und Tiefe: Das Tool überfordert nicht mit technischen Details, stellt diese aber dort, wo sie relevant sind, als vertiefende Information zur Verfügung. Wer nur einen ersten Überblick sucht, findet diesen. Wer tiefer einsteigen möchte, wird durch Links, Anschauungsmaterialien und weiterführende Kontakte dazu eingeladen.
Für Unternehmen, die noch am Anfang ihrer Dekarbonisierungsüberlegungen stehen, dürfte das Tool eine echte Orientierungshilfe sein. Es schließt eine Lücke, die in der Beratungslandschaft bislang deutlich spürbar war: den niedrigschwelligen, kostenlosen, herstellerunabhängigen Einstieg in die Analyse der eigenen Prozesswärmesituation. Wer bislang keinen Berater beauftragen wollte oder konnte, hatte kaum eine Möglichkeit, sich systematisch mit den eigenen Transformationsoptionen auseinanderzusetzen. Das Tool bietet nun genau diesen Einstieg.
Einordnung: Was das Tool kann – und was es nicht leisten soll
Es ist wichtig, die Erwartungen an das Tool richtig zu kalibrieren. Es ist kein Planungs- oder Simulationswerkzeug, das technische Machbarkeitsanalysen oder detaillierte Wirtschaftlichkeitsberechnungen ersetzt. Es ist auch kein Fördermittelberater und keine Projektierungshilfe. Das Tool ist – in seiner eigenen Positionierung – ein Orientierungs- und Strategiefindungsinstrument für die frühe Phase des Transformationsprozesses.
Diese Eingrenzung ist keine Schwäche, sondern eine bewusste Designentscheidung. Rasmus Nielsen von Greenpocket bringt es auf den Punkt: „Das Tool darf nicht zu detailliert sein, um den Einstieg für alle zu erleichtern. Eine zu hohe Komplexität in der Nutzeroberfläche hätte genau die Zielgruppe abgeschreckt, die das CDI am dringendsten erreichen möchte: die mittelständischen Betriebe, die zwar täglich mit Prozesswärme arbeiten, aber keine eigene Energieabteilung unterhalten und bislang keinen systematischen Zugang zu Dekarbonisierungsoptionen hatten.“
Die eigentliche Leistung des Tools liegt daher nicht im technischen Detail, sondern in der Strukturierung. Es übersetzt das in der CDI-Innovationsgruppe zusammengetragene Expertenwissen von 40 Fachleuten in eine Form, die für Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer, Energiemanager und technische Fachkräfte zugänglich ist. Es gibt den Nutzerinnen und Nutzern die richtigen Fragen an die Hand und führt sie Schritt für Schritt zu einem ersten, fundierten Bild ihrer Transformationsoptionen.
Prof. Ragwitz beschreibt diesen Ansatz: „In der Innovationsgruppe haben wir festgestellt, dass ausgerechnet beim größten Energieverbraucher, der Prozesswärme, noch zu wenig Transparenz über die Dekarbonisierungsmöglichkeiten herrscht. Die Vielzahl unterschiedlicher Anwendungsfälle macht deutlich, dass es ein Instrument braucht, das die wesentlichen Optionen zur Reduzierung der CO₂-Emissionen systematisch bündelt. Genau das leistet das Tool.“
Der nächste Schritt: Von der Orientierung zur Umsetzung
Mit der Veröffentlichung des Tools endet die Arbeit des CDI im Bereich Prozesswärme nicht, sondern sie tritt in eine neue Phase. Prof. Riedel skizzierte bereits den nächsten logischen Schritt: die Beratung. Denn ein Tool, so wertvoll es auch ist, kann am Ende nur den Anstoß geben. Die Umsetzung konkreter Transformationsmaßnahmen erfordert vertiefte Analysen, individuelle Planung und in vielen Fällen externe Unterstützung. Das CDI sieht sich hier als Teil einer Begleitstruktur, die Unternehmen auf diesem Weg unterstützt – vom ersten digitalen Selbstcheck über die Identifikation geeigneter Beratungs- und Förderangebote bis hin zur Vernetzung mit relevanten Akteuren aus Wissenschaft und Wirtschaft. Die mehr als 130 Partner des Clusters sind dabei nicht nur Zielgruppe, sondern auch Teil des Lösungsangebots. Für die Branche ist das ein ermutigendes Signal. Denn die Dekarbonisierung der Prozesswärme wird nicht durch eine einzelne Technologie gelöst werden, sondern durch das Zusammenspiel vieler Akteure, Instrumente und Maßnahmen. Das neue CDI-Tool ist ein Baustein in diesem Gesamtgefüge – ein digitaler Einstiegspunkt, der Unternehmen dazu befähigt, fundierte Entscheidungen zu treffen und damit ihren Beitrag zur industriellen Transformation zu leisten.

Von links nach rechts: Matthias Heck, Cluster- und Netzwerkmanagement CDI, Dr.
Ricarda Tänzer-von Daake, Kommissarische Leitung CDI, und Rasmus Nielsen, Greenpocket (Quelle: CDI / Toni Kretschmer)
Von links nach rechts: Matthias Heck, Cluster- und Netzwerkmanagement CDI, Dr.
Ricarda Tänzer-von Daake, Kommissarische Leitung CDI, und Rasmus Nielsen, Greenpocket (Quelle: CDI / Toni Kretschmer)
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Das Cluster der Dekarbonisierung der Industrie (CDI) vernetzt Industrieunternehmen, Forschungseinrichtungen, Hochschulen sowie Dienstleister aus Technik, Politik und Verwaltung. Als Partner profitieren Sie von einem branchenübergreifenden Expertennetzwerk zur Industriedekarbonisierung, exklusiven Veranstaltungen und intensivem Technologie- und Wissenstransfer. Zudem können Sie Themen in Innovationsgruppen aktiv mitgestalten, Projekte initiieren und die Sichtbarkeit Ihrer Organisation erhöhen – etwa durch ein Kompetenzprofil auf der CDI-Website, Messebeteiligungen und die Nutzung des
Logos „Partner im CDI“: www.cluster-dekarbonisierung.de
Die Partnerschaft ist kostenfrei.
Kontakt

Matthias Heck, Cluster- und Netzwerkmanagement CDI (Quelle: CDI / Toni Kretschmer)
Matthias Heck, Cluster- und Netzwerkmanagement CDI (Quelle: CDI / Toni Kretschmer)
Matthias Heck
Matthias.heck@clusterdekarbonisierung.de
Weitere Informationen finden Sie hier.
(Stand März 2026)






